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"Groß ist die Kraft der Erinnerung, die Orten innewohnt"

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16 Stolpersteine vor der Philippus-Kirche, Stierstraße 17-19

Ein Beitrag von Ingrid Schmidt

 

Stolpersteine in der Stierstraße Teil 3

I.

Mit der Stolpersteinaktion hat der Künstler Gunter Demnig der öffentlichen Erinnerungskultur einen provozierenden Anstoß gegeben. Zu seinen Grundüberlegungen für dieses Projekt gehört die Empfehlung, den Stolperstein für eine/n von den Nazis Ermordete/n möglichst vor dem letzten (frei gewählten) Wohnort zu verlegen. Dieses Haus wird so zu einem sichtbaren Gedächtnisort. Was meint das – ein „Gedächtnisort“? Verfügt der Ort selbst über ein Gedächtnis? Wir kennen die Gedächtniskraft von Bildern; jedes Familienfotoalbum bezeugt dies. Aber wir wissen auch, dass Eindrücke, die an einem historischen Ort empfangen werden, oft lebhafter in Erinnerung bleiben, als die, die vom Hörensagen und Lesen herrühren. Orte festigen die Erinnerung, verleihen ihr Kontinuität und Dauer: Das Haus der Großeltern, der Garten unserer Kindheit – an solchen „Generationenorten“ weitet sich das Gedächtnis eines einzelnen hin zum „Familiengedächtnis“, unabhängig davon, ob das Haus längst zerstört, das Gartengrundstück nun bebaut oder zugepflastert wurde.

 


  

 

II.

Religionen kennen seit altersher solche Gedächtnisorte. Sie heißen „heilige Orte“, an denen die Anwesenheit der Gottheit(en) erfahren werden konnte. An einem solchen Heiligen Ort, sei es die Wüste, eine mythische Landschaft, ein Berg, eine Quelle, begegneten sich in der Überlieferung Gott und Mensch.
Stolpersteine in der Stierstraße Teil 1
Im alten Israel gab man solchen Orten der Gottesbegegnung einen Namen. Mit der Benennung konnte der Ort in das Langzeitgedächtnis des Volkes eingeschrieben werden. Am Beispiel der Stadt Jerusalem lässt sich erzählen, wie ein exemplarischer Gedächtnisort zum Kampfplatz unterschiedlicher Erinnerungsgemeinschaften wurde. Die Kreuzzüge waren ein Religionskrieg kirchlicher und weltlicher Macht um diesen, auch vom Islam beanspruchten Gedächtnisort.


III.

Mit der Verlegung von 16 Stolpersteinen am 7. Juli 2008 vor der Philippuskirche ist dieser Ort als Gedächtnisort für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht worden. Im Unterschied zu einem „Generationenort“, der Familien kontinuierlich mit ihren Geschichten und ihren Traditionen verbindet, ist dieser Ort gekennzeichnet durch Traditionsabbruch, durch eine unüberbrückbare Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Geschichte der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, der Familien in den Häusern Stierstraße 18 und 19 wurde abrupt abgebrochen; sechzehn Menschen wurden ermordet, vier überlebten die Verfolgung. Nichts erinnerte an das Vergangene, die Häuser wurden in den letzten Kriegsmonaten durch Brandbomben zerstört.

Vielleicht wollte der Architekt der Philippuskirche, Hansrudolf Plarre (gest. 2008) mit seinem Kirchbau 1962 das Vergangenheitsbewusstsein, das diesem Ort anhaftet, nicht zumauern, sondern Erinnerung offen halten. Er baute auf der Brache – die Grundstücke Stierstraße 17 – 19 wurden Ende der 50er Jahre von der Evangelischen Kirche erworben - ein leichtes Gebilde, einem Zelt ähnlich für Menschen, die auf dem Weg innehalten, zurückschauen können und auch den Blick in die Zukunft wagen. Durch die Glaswand (entworfen von Florian Breuer), fällt Licht in den Raum, mit den Farben blau und grün Himmel und Erde assoziierend. Das Außen wird nicht ausgesperrt, Vorübergehende eingeladen. Filigran wirkt der offene, separat stehende Glockenturm. Und die Bänke vor der Kirche unter Bäumen laden ein zur Ruhe, zur Besinnung, auch zur Erinnerung. Was die Zeit unsichtbar gemacht hat – der Ort kann dem Gedächtnis aufhelfen.

 


  

 

IV.Stolpersteine in der Stierstraße Teil 4

Stolpersteine in der Stierstraße Teil 4Das vom Bildhauer Waldemar Otto gestaltete Kruzifix im Altarraum erinnert wohl am deutlichsten mit seinem gemarterten Christus, diesem jüdischen Gerechten aus Nazareth, an die Leidensgeschichte der Menschen an diesem Ort in der Stierstraße. Dazu tragen nun auch die (noch) in goldenem Glanz um Aufmerksamkeit werbenden  Stolpersteine bei. Die Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße, die Menschen aus der Friedenauer Nachbarschaft und Gemeindeglieder ins Leben gerufen haben, möchte Erinnerungsräume öffnen, die nicht mit antiquarischer Neugier, sondern mit traditionsbewusster Aufmerksamkeit – mit Pietät – wahrgenommen werden. Der Bitte des Jesus-Schülers Philippus an seinen Gefährten Nathanael  können wir uns, ob nah oder fern der Gemeinde, anschließen: „Komm und sieh!“ (Joh. 1,46)

 

(1) Zitat (Überschrift): Cicero, gefunden bei: Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 298. Vor allem dem Kapitel "Orte"; S. 298 - 339, verdanke ich Anregungen zu diesem Beitrag. Ingrid Schmidt

 

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