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Der September-Tipp der Buchhandlung Thaer: Colum McCann "Apeirogon"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Sept 20

Colum McCann

Apeirogon

aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Rowohlt Verlag

25 Euro

 

Colum McCann, 1965 in Dublin geboren, gehört zu den großen amerikanischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Was ich an ihm besonders bewundere, ist seine literarische Vielseitigkeit.

Sein neuester Roman hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Während einer Reise nach Israel lernte er die beiden Freunde Bassam Aramin und Rami Elahan kennen. Ein Palästinenser und ein jüdischer Israeli, die der Gruppe Parents Circle angehören – Eltern von Kindern, die durch den „Konflikt“ getötet wurden. Smadar wurde mit 13 Jahren 1997 durch ein Sprengstoffattentat mitten in Jerusalem getötet. Abir starb 2007 durch die Kugel eines israelischen Soldaten. Diese beiden Männer bilden das Zentrum des Romans, doch erzählt McCann keine geradlinige Story, sondern wirft Schlaglichter auf viele Themen: Theresienstadt, Zugvögel, Musik, Mathematik – um nur einige zu nennen. Er nennt sein Buch einen „Hybridroman“, eine kaleidoskopartige Verschränkung mehrerer Ansätze. Die Form ist ungewöhnlich, so zählt der Roman 1001 Kapitel – zuerst bis 500 und dann wieder rückwärts. Auch der Titel Apeirogon, eine geometrische Figur mit einer zählbar unendlichen Menge Seiten, gibt einen Hinweis darauf, dass die Form hier auch These ist: alles hat nicht nur eine oder zwei Seiten, sondern unendlich viele.

Man sollte sich von der Form auf keinen Fall abschrecken lassen, denn das Buch liest sich leicht – zumindest stiltechnisch. Inhaltlich geht es manchmal an die Grenze des Erträglichen. Der Schmerz der Eltern und die Verzweiflung über die Besatzung, die vielen Anschläge, über den Unwillen der Politiker, Frieden zu schließen, die gehen ans Herz. Da kann man Tränen vergießen. Bewundernswert, wie Rami und Bassam sich nicht beirren lassen, immer wieder vor jedem Publikum, das sie anhören möchte, ihre traurige Geschichte zu erzählen. Beeindruckend, wie durch diese Freundschaft letztlich doch so etwas wie Hoffnung entsteht. 600 Seiten, die sich lohnen!

Elvira Hanemann

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