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Der Oktober-Tipp der Buchhandlung Thaer: Jean-Philippe Blondel "Ein Winter in Paris"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Okt 18

Jean-Philippe Blondel

Ein Winter in Paris

Übersetzt von Anne Braun

Zsolnay Verlag, 19 Euro

 

Von dem Schriftsteller und Lehrer Blondel, 1964 in Troyes geboren, wurden schon einige Romane ins Deutsche übersetzt, nun liegt sein neuestes Buch vor. „Über die Auswirkungen der Grausamkeit von studentischem Konkurrenzdenken“ so könnte man sein Buch betiteln, doch das klänge nach einem sozialwissenschaftlichem Essay. Wie schön, dass Blondel diese Thematik in einem ganz großartigen und ergreifenden Roman behandelt hat und nicht in einem trockenen Bericht. Victor, ein Junge aus der Provinz, der zu seinen Eltern eine eher distanzierte Haltung hat, zieht nach Paris um an der Hochschule an einem zweijährigen Auswahlverfahren teilzunehmen. Nur die besten dürfen danach an der Elite-Uni studieren. Victor gehört nicht zu den besten, dennoch verbeißt er sich so sehr ins Lernen, dass es für ihn keinerlei soziales Leben gibt. Seine Kommilitonen gehören einer "höheren" Gesellschaftsschicht an, sie schließen ihn aus und er schließt sich selbst aus.

Als er Matthieu, der ein Semester unter ihm ist, kennen lernt, sieht er die Chance einer ersten möglichen Beziehung zu einem anderen Studenten. Doch bevor sich diese entwickeln kann, springt Matthieu nach einem Streit mit einem sadistischen Professor aus dem Fenster. Nach Matthieus Tod verändert sich Victors Leben, als "bester Freund des Selbstmörders" ist er plötzlich interessant. Der Roman beginnt mit einer Szene, in der er - mittlerweile ein Mittvierziger - einen Brief von Matthieus Vater bekommt, der ihn in seine Jugendzeit zurück katapultiert und ihn diese für sein weiteres Leben so bedeutende Geschichte erzählen lässt.

Blondel, von dem ich bisher noch nie etwas gelesen habe, schreibt in einer sehr schönen literarischen Sprache über ein - in Frankreich tatsächlich noch brutaleres - Konkurrenzsystem, das sensible junge Menschen in die Verzweiflung treibt. Er schreibt über Freundschaft, über jugendliche Einsamkeit und über menschliche Beziehungen, seien es die von Studenten zu Dozenten, von Kindern zu ihren Eltern, von Männern zu Männern, von Männern zu Frauen wie auch von Erwachsenen zu Jugendlichen und über deren Komplexität und Fragilität.

Ein sehr berührendes Buch, das mich vollkommen überzeugt hat!
Elvira Hanemann

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