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Die November-Empfehlung der Buchhandlung Thaer: Saša Stanišić "Herkunft"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Nov 19

Saša Stanišić

Herkunft

Luchterhand Verlag  

22 Euro

 

Saša Stanišić, 1978 im ehemals jugoslawischen Višegrad geboren, Schriftsteller, lebt heute in Hamburg. Seit seinem Debütroman von 2006, „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, ist er eine der wichtigen literarischen Stimmen in Deutschland. Für „Vor dem Fest“ erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. Sein neues Buch ist für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert.

Einen Roman kann man dieses Mosaik aus Familiengeschichte, aus zeitpolitischer Geschichte, aus eigenen Erfahrungen eigentlich nicht nennen, eher ist es ein sehr persönliches Erinnerungsbuch. Es ist eine Geschichte über Flucht aus einem Land im Bürgerkrieg, aber genauso auch über das nicht immer leichte Ankommen in einer neuen Welt. Seine Jugendjahre in Heidelberg, die erste Liebe, das Leben seiner Eltern in Deutschland wie auch die neue Rolle als Familienvater spielen eine Rolle, aber sehr stark auch seine frühe Neigung zu gestalteter Sprache. Nicht nur Deutschland, sondern auch die Literatur wird zu einer neuen Heimat für ihn.

Immer wieder träumt er von seiner Großmutter, sie – und die alte Heimat – rufen ihn. Stanišić begibt sich zurück nach Bosnien, trifft die 87-jährige und erkundet sein Dorf, spricht mit Menschen, die dort noch leben, lernt das Alte noch mal neu kennen und vertieft damit nicht nur seine eigene Geschichte. Die Szenen mit dieser alten Frau gehören für mich zu den besten des ganzen Buches, sehr zart, sehr berührend und sehr liebevoll. Seine andere Großmutter sagte ihm quasi voraus, dass er später „mit Worten“ arbeiten werde, er solle sich immer an die Sprache halten, riet sie ihm. Das hat Stanišić auf hervorragende Weise getan, er hat mit „Herkunft“ einen richtig großen Text geschrieben, einen lustigen, schmerzhaften, aufschreckenden, politischen und sehr menschlichen Text.

In „Herkunft“ erzählt der Autor von Abschieden, von Verlusten, davon wie Länderverschwinden und Menschen. Aber er macht auch klar dass in unserem Land die Frage nach dem „Wo kommst du her?“ für (zu) viele immer noch wichtiger ist als „was für ein Mensch bist du?“ Er wechselt munter die Zeiten, die Orte und auch die Erzählperspektiven, das tut der flüssigen und guten Lesbarkeit aber keinen Abbruch, sondern sorgt für Lebendigkeit. Gegen Ende des Buches leistet er sich noch einen kleinen Spaß, indem er die Leser zur aktiven Mitarbeit auffordert. Ein sehr gelungener und kreativer Abschluss dieses an gelungenen und kreativen Stellen reichen Romans.

Elvira Hanemann

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