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Der August-Tipp der Buchhandlung Thaer: Ocean Vuong

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Aug 19Ocean Vuong

Auf Erden sind wir kurz grandios

Übersetzerin: Anne Kristin-Mittag

Hanser Verlag

22 Euro

 

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, kam bereits als Kleinkind in die USA. Er ist Lyriker und erhielt dafür mehrere angesehene Preise. Sein Romandebüt „On earth we‘re briefly gorgeous“, das auch im Original erst dieses Jahr herauskam, wurde im englischsprachigen Raum (New York Times, Guardian etc.) bereits gefeiert. Nun ist es gerade auf Deutsch erschienen.

Der in Ich-Form geschriebene Roman ist ein langer – nie abgeschickter Brief eines jungen Mannes an seine Mutter. Diese Mutter, Vietnamesin, Analphabetin, arbeitet in einem Nagelstudio – schlecht bezahlt, viele Überstunden und wenig Zeit für ihr Kind. Doch es ist nicht allein die Armut, die das Leben für „Little Dog“ wie sie ihn nennt, so schwer macht, sondern die Tatsache, dass seine Mutter ihn immer wieder misshandelt. Sie, traumatisiert durch den Krieg, auch durch ihre schizophrene Mutter und den abwesenden amerikanischen Vater, ist selbst ein Opfer.

Das schwierige Aufwachsen als Außenseiter („falle bloß nicht auf, es reicht schon dass du vietnamesisch bist“) in der Schule, in der Nachbarschaft kommt ebenso zur Sprache wie seine Überlebenstaktiken, um als eher schwächliches Kind in einer eher feindlich gesinnten Umwelt zu bestehen. Und doch: an vielen Stellen liest sich dieser Brief nicht nur wie eine Anklage, sondern auch wie ein Liebesbrief an seine Mutter. Es gibt herzzerreißende Stellen, an denen man deren große Liebe zu ihrem Sohn spürt, ihre Hilflosigkeit, Scham und Trauer.

Als Little Dog älter wird, verliebt er sich in Trevor, einen "all-american White Guy", eher machohaft, der auch nicht zugegeben möchte, dass er schwul ist. Doch die Beziehung zwischen den beiden so ungleichen jungen Männern gewinnt an Tiefe und wird zu einer echten Liebesbeziehung. Allerdings unter denkbar schlechten Vorzeichen: Trevors Vater ist Alkoholiker, er selbst wird drogensüchtig, die Armut ist überall.

Ein eindringlicher Entwicklungsroman, gleichzeitig auch ein Coming-out-Roman, ein Buch über Klassenunterschiede, über Fremdenfeindlichkeit, über Drogen, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit? All das, aber genauso auch über den Vietnamkrieg und seine Folgen, über die Schwierigkeit sich in einer Umgebung, die Männer-„Tugenden“ verherrlicht und Sensibilität als weibisch, offen zu seiner Homosexualität zu stehen, über das, was sich Menschen trotz aller Liebe gegenseitig antun und – last but not least – über die Weitergabe von Traumata in Familien. Was Vuongs Debüt auszeichnet ist seine große textliche Virtuosität, man merkt dem Roman durchaus an, dass der Autor Lyriker ist, es gelingen ihm Sätze von solch durchschlagender Kraft, dass ich beim Lesen immer wieder innehalten musste: nochmal lesen, darüber nachdenken, erstaunt und bewundernd. Bemerkenswert fand ich auch, dass er stellenweise sehr explizit und recht rauh über Sex schreibt, ich aber selbst diese Stellen literarisch gelungen fand.

Ich erlaube mir, den von mir sehr geschätzten Sasa Stanisic zu zitieren, der Folgendes geschrieben hat: "Ein grandioses Buch! Eine Reise in die Vergangenheit, in die Kindheit, nach Vietnam, in die Gewalt und die Liebe." Dem ist nicht viel hinzuzufügen…
Elvira Hanemann

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