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Der September-Tipp der Buchhandlung Thaer: Elisabeth Strout "Die Unvollkommenheit der Liebe"

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Thaer Sep 16

Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe

Übersetzt von Sabine Roth

Luchterhand Verlag 18.- Euro

 

Der gerade erschienene Roman der Pulitzer-Preisträgerin hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert und begeistert.

Lucy Barton, eine New Yorker Schriftstellerin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, erkrankt nach einer Operation an einer gefährlichen Infektion. Beschrieben werden die Wochen, in denen sie im Krankenhaus liegt und selten Besuch bekommt. Bis ihre Mutter, mit der sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte, auftaucht und mehrere Tage an ihrem Bett sitzt.


Nur von diesen Tagen handelt der Roman, Tage in denen nicht mehr geschieht, als dass sich die beiden über alte Geschichten aus der Kleinstadt unterhalten. So wenig äußere Handlung sich auch abspielt, umso tiefer werden die seelischen Innenräume ausgeleuchtet. Lucy erinnert sich an ihre Kindheit, die von tiefer Armut – und schlimmer – von Kälte, Lieblosigkeit und Angst geprägt war. Sie reflektiert ihre immensen Anstrengungen, sich von diesem traurigen Vermächtnis zu befreien – und ihrer eigenen Familie und ihren Kindern Liebe und Vertrauen in sich selbst zu geben.


Auch wenn ihre Mutter kein Wort über Wesentliches verliert, über den Vater und den gestörten Bruder, sich nicht nach Lucys Leben erkundigt, all das wiegt nicht das große Glück auf, das Lucy empfindet: Ihre Mutter ist bei ihr und sie spricht mit ihr!

Der deutsche Titel mag in die Irre führen, handelt es sich doch um einen tief bewegenden Roman über einen Mutter-Tochter-Konflikt, über die Untiefen einer schwierigen Familie und um den Kampf, davon frei zu kommen. Angst vor dem Tod, Gedanken über die Ehe, ihre Freunde und ihre Töchter ergänzen die im Vordergrund stehenden Kindheitserinnerungen.

Ich habe selten auf so wenigen Seiten eine so intensive Familiengeschichte gelesen, Strout darf sich getrost mit Alice Munro messen – und das ist ein sehr großes Kompliment!

Elvira Hanemann

 

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