Friedenau-Panorama mit dem Friedenau-Netzwerk-Logo

Der Oktober-Tipp der Buchhandlung Thaer: Zadie Smith "Swingtime"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Okt 17Zadie Smith

Swingtime

Übersetzt von Tanja Handels

Kiepenheuer und Witsch Verlag

24 Euro

 

Zwei kleine Mädchen in London, in einer Sozialsiedlung… Die Ich-Erzählerin lebt mit ihrer schwarzen Mutter und ihrem weißen Vater zusammen, der Vater ist ein freundlicher, eher schlichter Mensch, die Mutter hingegen überholt ihn immer mehr, sie wird intellektueller, ehrgeiziger und politisch engagierter. Auf Dauer hält diese Beziehung das Auseinanderdriften nicht aus. Das kleine Mädchen liebt beide, doch sie wird sich zeitlebens von ihrer Mutter überfordert fühlen und der Vater wird sich als nicht stark genug erweisen.

Die Handlung setzt ein, als das – namenlos bleibende – Kind im Ballettunterricht auf Tracey trifft. Ein Mädchen mit einem enormen Talent , die den Tanz liebt und ihre Freundin – denn Freundinnen werden sie trotz der Abneigung ihrer Mütter bald werden – dabei mitreißt. Traceys Mutter – keine Spur von Bildungsstreben ist hier zu sehen – ist weiß, ihr Vater schwarz, doch dieser ist ein meist abwesender Vater. Die beiden sehen sich begeistert Tanzfilme an, besonders begeistert sie „Swingtime“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers, davon können sie nicht genug bekommen. Später verlieren sich die Freundinnen aus den Augen, Tracey gelingt es in eine renommierte Tanzschule zu gehen, dazu reicht das Talent der Ich-Erzählerin nicht aus.

Diese wird in ihrem jungen Erwachsenenleben die persönliche Assistentin eines weiblichen Rockstars. Sie zieht mit ihr durch die ganze Welt, sehr oft nach Gambia wo Aimee (die durchaus an Madonna erinnert) nicht nur Musikauftritte hat, sondern sich auch sozial engagiert und Kinder adoptiert. Sehr pointiert zeichnet Smith dieses Jet-Set-Leben mit all seinen Ambivalenzen auf. Erst viel später trifft die Ich-Erzählerin wieder auf Tracey, mit der sie gebrochen hatte, auch ihre Mutter tritt wieder in ihr Leben ein.

Interessant ist bei dem neuen Roman von Zadie Smith (eine Autorin, die ich seit ihrem großartigen Debüt von 2001 „Zähne zeigen“ sehr schätze!), neben der Handlung auch die ungewöhnliche Erzählhaltung. Normalerweise führen in Ich-Form geschriebene Texte zu einer schnellen Identifizierung mit der Hauptperson. Durch ihre namenlose Anonymität und einem distanzierten Blick auf sich selbst wird das aber hier gebrochen. So sehr man sich auch interessiert für die Freundschaft der jungen Mädchen, für ihre Entwicklung als junge Frauen und für das abwechslungsreiche Leben als Teil einer Star-Truppe, die zwischen Europa, New York und Westafrika in schnellem Wechsel hin- und hersaust, bleibt doch immer ein gewisser Abstand zu den Protagonisten.

Zadie Smiths „Swingtime“ steht auf der Longlist zum Bookerpreis 2017. Ich drücke ihr und diesem guten Roman die Daumen!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen