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Die Juli-Empfehlung der Buchhandlung Thaer: George Saunders "Lincoln im Bardo"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Juli 18George Saunders

Lincoln im Bardo

Übersetzer: Frank Heibert

Luchterhand

25 Euro

 

George Saunders, dessen Kurzgeschichtenband „Zehnter September“ schon großes Lob erhalten hatte, legt nun seinen ersten Roman vor, der mit dem Man Booker Prize 2017 ausgezeichnet wurde.

Im Jahr 1862, Lincoln ist amerikanischer Präsident, stirbt dessen 11-jähriger Sohn an einem schlimmen Fieber. Er wird auf einem Friedhof in einer Gruft beigesetzt. Dieser Friedhof ist nun der Schauplatz des Romans. Bevölkert wird er von vielen teilweise höchst sonderbaren Figuren, die sich dem Neuzugang mit großem Interesse zuwenden. Der junge Willie Lincoln wird von seinem Vater des Nachts besucht, betrauert, berührt und liebkost. Das weckt in den Nachtgestalten schmerzhafte Erinnerungen an ihr früheres Leben, an das Leben in dem sie noch nicht in den „Krankenkisten“ waren und noch nicht von den Lebenden übersehen wurden.

Ein Geistlicher, ein junger Homosexueller und ein frischverheirateter Mann sind die Haupt„personen“ oder sollte man sie eher „Stimmen“ nennen? – die auf dem Friedhof „gehschweben“. Was, so fragt man sich, bedeutet „Bardo“? Im Buddhismus nennt man so die Zeit zwischen der Lösung vom bisherigen Leben und dem Eingehen in einen neuen Zustand. Die Menschen im Bardo verweigern sich der Erkenntnis, dass sie tot sind, dass sie in Särgen liegen, dass sie verwesen, sie behaupten steif und fest, sie seien nur krank. Sie können nicht loslassen und sind ihrem früheren Leben verhaftet.

Was ist dieses Buch? Eine Gruselgeschichte? Ein Gesellschaftspanorama, das Themen wie den Bürgerkrieg und die Sklaverei behandelt? Eine Geschichte von Trauer und Liebe? Er ist all das und noch viel mehr, denn es vereinigt Witz und todernste Philosophie mit Elementen des absurden Romans. Ungewöhnlich ist die Form, vorwiegend handelt es sich um eine lebhafte Ansammlung verschiedener Stimmen sowohl der Toten, die sich wie Untote benehmen und von zeitgenössischen historischen Zitaten. Sehr schnell gewöhnt man sich an diese sonst nicht übliche Stilform und man genießt – auch dank der hervorragenden Übersetzung - den abwechslungsreichen und vielstimmigen Chor der Stimmen, die sich zu einem beeindruckenden Ganzen fügen.

Ein trauriger, zärtlicher, brutaler, skurriler, manchmal auch lustiger - vor allem aber ein sehr menschlicher Roman, der sich beglückend vom Einheitsbrei des Mainstreams abhebt und einem zeigt, wie „anders“ und geistig anregend unkonventionelle Literatur sein kann!

Elvira Hanemann

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