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Friedenau und Johann Anton Wilhelm von Carstenn

 

 

Ein Beitrag von Peter Lemburg, Büro für Architektur und Baugeschichte

Bild von JAW Carstenn, Carstenns Grab in Lichterfelde, Situationsplan Friedenau

 

Friedenau hat viele Gründungsväter. Einige sind durch Straßennamen verewigt, so David Born, Hermann Hähnel, Adolf Fehler - zahllose andere Persönlichkeiten, man denke nur an Theodor Heuss, Rosa Luxemburg oder Günter Grass sind über ihre Werke hinaus als ehemalige Mitbewohner fest in die Friedenauer Geschichte eingeschrieben.

Ein Mann aber ist gegenwärtig wie kein anderer - nicht etwa durch besondere Ehrenzeichen oder historische Ereignisse - sondern durch viel mehr: Friedenaus gesamte Ortsgestalt.

Dieser als vermeintlicher „Spekulant“ lange verkannte Mann war der „selfmademan“J.A.W. Carstenn, zunächst erfolgreicher hanseatischer Kaufmann, dann weitsichtiger Städtegründer und „Entwickler“. Er erwarb nicht nur die Ländereien, auf denen wenig später Landhauskolonien entstanden, er gab ihnen auch die bis heute erhaltene, charakteristische Gestalt. Als „Carstennfigur“ sind sie in die Fachsprache der Städtebauer eingegangen.

In seinem „Baubureau“ entwickelte er mit seinen „Beamten“ den so einfachen wie einprägsamen Ortsteilgrundriß Friedenaus mit der grandios am Kurfürstendamm orientierten „Kaiserallee“ als Mittelachse (heute Bundesallee), mit geraden und gebogenen Straßen, seinen zum Teil wohlerhaltenen Rund- und Rechteckplätzen, seinen je nach Bestimmung und Funktion variierten Straßenbreiten, stellte durch „Ortsstatute“ Bauauflagen fest, machte Vorschläge für die Vorgärten, Straßenbaum-Pflanzungen und nahm über assoziierte Baumeister und Architekten Einfluß auf die erste Generation der noch an so mancher Straße erhaltenen Landhäuschen.

 


 

 

Wilmersdorfer Oberfeld mit der Carstennfigur von 1874 und eine Luftaufnahme von Google Earth von 2006

 

 

Carstenn war erfolgreich, alles was der am 12. Dezember 1822 in Holstein Geborene in Angriff nahm, schien zu gelingen. Berlin eröffnete ihm nach ersten Versuchen bei Hamburg eine reiche Bau- und Entwicklungstätigkeit. Insbesondere das bald aufblühende Friedenau und seine ausgedehnten, im Charakter vergleichbaren Besitzungen bei Lichterfelde ließen weitere Pläne reifen - etwa 1890 seine großartige Vision vom Zusammenwachsen der Residenzen Berlins und Potsdam zu „einer Stadt mit dem Grunewald dazwischen als Park“.

Gute Verbindungen in höchste gesellschaftliche Kreise hinein verhalfen Carstenn 1873 zum erblichen Adelstitel. Von seinem „Carstenn-Schlösschen“ an der Lichterfelder Dorfaue sponn er seine Fäden. Seine bemerkenswerte Schenkung von 20 Hektar Bauland an den Militärfiskus ermöglichte die Verlagerung der Haupt-Kadettenanstalt aus der beengten Berliner Innenstadt in die noch weiträumige Lichterfelder Feldmark. Die noch heute das gesamte Terrain dominierenden Bauanlagen leiteten aber auch den bitteren Abstieg Carstenns ein.

Während seine Koloniegründungen Friedenau, Lichterfelde und auch Wilmersdorf - freilich auf unterschiedliche Weise - prosperierten, geriet er durch komplexe Verflechtungen in die Fänge der preußischen Militär-Bürokratie. Zwar nicht verarmt, wie oft kolportiert, so doch verbittert und vereinsamt starb er am 20. Dezember 1896 in der zu ihrer Zeit berühmten „Maison de Santé“ des Nervenarztes Lewinstein an der nahen Schöneberger Hauptstraße.

Die Grabstätte J.A.W. von Carstenns auf der Dorfaue Lichterfelde ziert ein schlichter Granitfindling.

Fotos: Seite 1: Carstenn-Portrait-Foto aus „Lichterfelde – vom Dorf zum Vorort von Großberlin” (Heimatverein Lichterfelde, 1986); Grabstein: Wikipedia; Seite 2: Situationsplan aus „Denkmale in Berlin – Bezirk Schöneberg/Ortsteil Friedenau” (Verlag Willmuth Arenhövel, 2000 / Schöneberg Museum/Archiv); Luftaufnahme: Google Earth

 

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