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Der Januar-Tipp der Buchhandlung Thaer: Didier Eribon "Rückkehr nach Reims"

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Thaer Jan 17Didier Eribon

Rückkehr nach Reims

übersetzt von Tobias Haberkorn

Suhrkamp

18.- Euro

 

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs. Eribon wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf. Seine Großmutter war Analphabetin, seine Mutter Putzfrau und Fabrikarbeiterin, sein Vater Hilfsarbeiter. Es galt damals als kompletter Unsinn, wenn ein Kind länger, als es sein musste, zur Schule ging, alle Geschwister gingen mit 14 von der Schule ab und begannen zu arbeiten. Man wählte die Kommunisten, hasste „die da oben“, und man arbeitete sich krank und kaputt.
Als es Eribon dann – mit Hilfe seiner Mutter, die dafür noch mehr arbeitete – gelang, auf die höhere Schule zu gehen und später zu studieren, stürzte ihn das in große innere Konflikte. Alles, Kleidung, Sprache und Ansichten, waren nun anders, als er es kannte. Den Spagat, sich zwischen diesen Welten zu bewegen, schaffte er nicht und floh so früh wie möglich aus Reims und damit aus seinem Herkunftsmilieu. In Paris konnte er nicht nur Philosophie studieren (eine absolut unverständliche Wahl für seine Familie), sondern er konnte auch seine Homosexualität frei ausleben.

Als sein Vater starb, kehrte Eribon, nunmehr Professor für Soziologie, erstmals nach Reims zurück. Gemeinsam mit seiner Mutter betrachtet er alte Fotos und führt die Gespräche, die er längst hätte führen sollen. Für die mit seinem Vater ist es zu spät.

Eribon ist vor allen Dingen darüber erstaunt, dass er sich zwar relativ früh theoretisch, publizistisch und sehr offen mit seiner Homosexualität auseinandersetzen konnte, aber eigentlich nie mit seiner Herkunft aus einem einfachen Arbeitermilieu. Diese soziale Schande wurde von ihm – bis jetzt mit diesem Buch – immer verdrängt.

Neben den soziologischen, philosophischen und menschlichen Aspekten dieser autobiografischen Rückschau ist es vor allem auch die politische, die hier interessiert. Er zeigt klar auf, wie aus wie selbstverständlich immer die Kommunisten wählenden Arbeitern nun den Front National wählende wurden. Wie nicht wahrgenommen, wie abgehängt sich große Teile der Bevölkerung fühlen und warum sie dann auf Feindbilder wie „die Fremden“ hereinfallen, wo es früher eben „die da oben“ waren. Gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation in Frankreich – aber auch in Deutschland – liest sich das sehr erhellend.

Eribon schreibt reflektiert und insgesamt gut verständlich, doch manchmal wünschte ich mir bei der Lektüre, Bourdieu oder Foucault gelesen zu haben, sicher wäre da einiges noch klarer geworden.
Eine bereichernde Lektüre!

Elvira Hanemann

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