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Günter Grass - Dichter beerbt Marinemaler

Ein Beitrag von Eva Liebchen

Foto: Das ehemalige Wohnhaus von Günter Grass in der Niedstraße 13

Das ehemalige Wohnhaus von Günter grass in der Niedstraße 13

 

Über 30 Jahre Jahre, mit Unterbrechungen von 1966 an, lebte und arbeitete der Schriftsteller, Grafiker und Bildhauer Günter Grass in seinem schönen, kleinen Landhaus in der Friedenauer Niedstraße 13, das schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten bekannt war, weil ab und an Wilhelm II. persönlich den damals äußerst berühmten Marinemaler Hans Bohrdt in dessen Atelier unter dem Dach besuchte, das mit einem Kran zur Straße ausgerichtet war, um die „Ölschinken“ abtransportieren zu können,  für die auch der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich (der mit der Mütze!), ein Faible hatte. Spazierte „unauffällig“ ein Polizist in der Nähe des Hauses, dann wussten die Friedenauer, „Majestät“ ist zu Besuch. Dieses Atelier nutzte auch Günter Grass. Offensichtlich genoss er die gute Wohnlage mit der hübschen Terrasse vor dem Haus und der kleinen Druckwerkstatt im Innern. Aber auch seine legendären Feste mit Freunden bei Fisch oder Hammelbraten blieben nicht unbemerkt.

Sein Freund und Nachbar in Nr. 14 war der Schriftsteller Uwe Johnson, in einem Haus, in dem auch schon Karl Kautsky (1910) und der Brücke-Maler Karl Schmidt-Rottluff (1914) gelebt hatten und sich  1967 die legendäre Kommune 1 einnistete.

Grass unterstützte die Wahlkämpfe der SPD und lernte 1961 Willy Brandt kennen, wurde 1982 SPD-Mitglied. Auf dem Markt am Breslauer Platz zu Füßen des Rathauses kaufte Grass nicht nur seinen „Butt“, sondern absolvierte auch brav, aber selten die obligatorische Standarbeit, wenn auch sehr zurückhaltend, was die Schreiberin dieser Zeilen aus eigenem Augenschein berichten kann. Hier in Friedenau wuchsen auch seine Kinder auf.

Nach ersten Ausstellungen von Plastiken und Grafiken in Stuttgart und Berlin, begann Grass 1956 schriftstellerisch tätig zu werden. Der große Erfolg wurde sein 1959 erschienenes Buch „Die Blechtrommel“, ein während des 2. Weltkrieges in seiner Heimatstadt Danzig spielender Roman. Mit einer surreal-grotesken Bildersprache hatte Grass seinen Stil gefunden. Bald erschienen „Katz und Maus“ und „Hundejahre“, die sogenannte Danziger Trilogie. Für sein  literarisches Gesamtwerk erhielt er 1999 den Nobelpreis für Literatur. Aber auch außerhalb seiner künstlerischen Tätigkeit kommentierte er häufig das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen, so beispielsweise im Dezember 1966 zur Wahl von  Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler: „Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandskämpfer, wie sollen wir der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?“ Nicht nur die Zahl der Preise und Ehrungen häufte sich, genauso oft eckte Grass mit seinen Aktionen und Meinungen an – bei der Gruppe 47, beim Axel Springer Verlag, beim Besuch Kohls auf dem Bitburger Soldatenfriedhof und in jüngster Zeit mit seinem Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS als 17-Jähriger. Aber er reiste 1969 auch 31 000 km durch Deutschland und hielt an verschiedenen Orten insgesamt 94 Reden zugunsten des im selben Jahr zum Bundeskanzler gewählten Willy Brandt. Neben seinem erzählenden Werk schuf Grass Dramen, Lyrik, Skulpturen und es erschienen Briefwechsel, Reden und Aufsätze.

Günter Grass lebt heute in der Nähe von Lübeck.

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