Friedenau-Panorama mit dem Friedenau-Netzwerk-Logo

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Nov 17Daniel Kehlmann „Tyll“

Rowohlt Verlag

22,95 Euro

 

Daniel Kehlmann wurde 1975 in Wien geboren, er studierte Germanistik und Philosophie. Man muss ihn spätestens seit seinem bahnbrechenden Erfolg von „Die Vermessung der Welt“ (2005) niemandem mehr vorstellen. Kehlmann schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Vorlesungen und literaturwissenschaftliche Beiträge. Er ist einer der renommiertesten Vertreter der Gegenwartsliteratur.

In seinem neuen Roman spielt Tyll Ulenspiegel die Hauptrolle. Doch schon damit verblüfft uns der Autor, denn der echte Eulenspiegel, falls es ihn wirklich gegeben hat, lebte der Überlieferung nach im frühen 14. Jahrhundert. Kehlmann versetzt ihn aber in den 30-jährigen Krieg, also ins 17. Jahrhundert. Er erzählt von Leiden, Verfolgung, Inquisition, Hexenjagden, von Folter, Hunger, tiefster Armut, politischen Intrigen, Machtkämpfen und immer wieder von Krieg, Krieg, Krieg.

Der kleine Tyll, Sohn eines für seinen Stand viel zu wissensdurstigen Müllers, muss seine Heimat verlassen, nachdem sein Vater als Ketzer von der Inquisition hingerichtet und seine Mutter vertrieben wurde. Er flieht gemeinsam mit Nele, einem Mädchen aus dem Dorf, die ihm früh schon zugeraten hatte, seine Seiltanzversuche ja nicht aufzugeben, denn es sei immer gut, etwas zu haben, was einen von anderen unterscheidet. Gemeinsam mit Nele schlägt er sich durch, sie schließen sich Gauklern und dem fahrenden Volk an, Tyll wird bald berühmt und berüchtigt im ganzen Land. Sein unwahrscheinliches Geschick und seine Tricks bringen die Menschen zum Lachen - und das haben sie in diesen bitteren Zeiten mehr als alles andere nötig. Wir lernen den „Winterkönig“ Friedrich von der Pfalz und seine Frau Elizabeth Stuart kennen , auch Gustav Adolf, den Schwedenkönig und viele andere historische Persönlichkeiten, immer aber auch arme Leute wie Soldaten oder Bergarbeiter. Tyll selbst bleibt ein höchst interessanter und rätselhafter Charakter.

Wer sich einen historischen Aufklärungsroman erhofft, wird möglicherweise unzufrieden sein mit „Tyll“, man „erfährt“ zu wenig über den 30-jährigen Krieg (doch es gibt ja gute Sachbücher darüber). Wer sich jedoch einen packenden, klug konstruierten, gewitzt und elegant geschriebenen Roman erhofft, den man absolut nicht mehr aus der Hand legen mag, der ist hier bestens bedient.

Ein großes Lesevergnügen!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Okt 17Zadie Smith

Swingtime

Übersetzt von Tanja Handels

Kiepenheuer und Witsch Verlag

24 Euro

 

Zwei kleine Mädchen in London, in einer Sozialsiedlung… Die Ich-Erzählerin lebt mit ihrer schwarzen Mutter und ihrem weißen Vater zusammen, der Vater ist ein freundlicher, eher schlichter Mensch, die Mutter hingegen überholt ihn immer mehr, sie wird intellektueller, ehrgeiziger und politisch engagierter. Auf Dauer hält diese Beziehung das Auseinanderdriften nicht aus. Das kleine Mädchen liebt beide, doch sie wird sich zeitlebens von ihrer Mutter überfordert fühlen und der Vater wird sich als nicht stark genug erweisen.

Die Handlung setzt ein, als das – namenlos bleibende – Kind im Ballettunterricht auf Tracey trifft. Ein Mädchen mit einem enormen Talent , die den Tanz liebt und ihre Freundin – denn Freundinnen werden sie trotz der Abneigung ihrer Mütter bald werden – dabei mitreißt. Traceys Mutter – keine Spur von Bildungsstreben ist hier zu sehen – ist weiß, ihr Vater schwarz, doch dieser ist ein meist abwesender Vater. Die beiden sehen sich begeistert Tanzfilme an, besonders begeistert sie „Swingtime“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers, davon können sie nicht genug bekommen. Später verlieren sich die Freundinnen aus den Augen, Tracey gelingt es in eine renommierte Tanzschule zu gehen, dazu reicht das Talent der Ich-Erzählerin nicht aus.

Diese wird in ihrem jungen Erwachsenenleben die persönliche Assistentin eines weiblichen Rockstars. Sie zieht mit ihr durch die ganze Welt, sehr oft nach Gambia wo Aimee (die durchaus an Madonna erinnert) nicht nur Musikauftritte hat, sondern sich auch sozial engagiert und Kinder adoptiert. Sehr pointiert zeichnet Smith dieses Jet-Set-Leben mit all seinen Ambivalenzen auf. Erst viel später trifft die Ich-Erzählerin wieder auf Tracey, mit der sie gebrochen hatte, auch ihre Mutter tritt wieder in ihr Leben ein.

Interessant ist bei dem neuen Roman von Zadie Smith (eine Autorin, die ich seit ihrem großartigen Debüt von 2001 „Zähne zeigen“ sehr schätze!), neben der Handlung auch die ungewöhnliche Erzählhaltung. Normalerweise führen in Ich-Form geschriebene Texte zu einer schnellen Identifizierung mit der Hauptperson. Durch ihre namenlose Anonymität und einem distanzierten Blick auf sich selbst wird das aber hier gebrochen. So sehr man sich auch interessiert für die Freundschaft der jungen Mädchen, für ihre Entwicklung als junge Frauen und für das abwechslungsreiche Leben als Teil einer Star-Truppe, die zwischen Europa, New York und Westafrika in schnellem Wechsel hin- und hersaust, bleibt doch immer ein gewisser Abstand zu den Protagonisten.

Zadie Smiths „Swingtime“ steht auf der Longlist zum Bookerpreis 2017. Ich drücke ihr und diesem guten Roman die Daumen!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Sept 17

Robert Menasse

„Die Hauptstadt“

Suhrkamp Verlag

24 Euro

 

„Die Hauptstadt“ steht zu meiner großen Freude auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Das heißt, das Buch wurde aus 174 Romanen zuerst in die Longlist (mit 20 Titeln) und nun in den engen Kreis (6 Titel) gewählt. Vielleicht hat es ja – wenn dieser Artikel erscheint – schon den Preis gewonnen? Wenn nicht, dann hätte Robert Menasses neuer Roman ihn meiner Meinung nach jedenfalls absolut verdient gehabt. Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, Germanist, Philosoph, Politikwissenschaftler, vor allem aber Schriftsteller, hat sich schon länger in Essays und Sachtexten mit dem Thema „Europa“ auseinander gesetzt. Mit der literarischen Umsetzung trifft er den Nerv der Zeit.

Wir befinden uns in Brüssel in der Jetztzeit, die Protagonisten spielen alle eine Rolle in der  EU-Bürokratie. Eine griechisch-zypriotische Beamtin soll das Image der Europaischen Kommission verbessern. Während sie mit ihrem Mitarbeiter nach einer zündenden Idee sucht (oh ja, und wie diese zünden wird!) läuft ein Schwein durch Brüssel. Die ganze Stadt sucht einen Namen für das Schwein, so als gäbe es keine anderen Probleme. Doch die gibt es zuhauf: Ränkespiele, Intrigen, persönliche und nationale Eitelkeiten, Karrierrismus . Doch es gibt ebenso die ernsthafte Arbeit für ein besseres Europa, auch  für eine postnationale Gemeinschaft.

Die Europäische Kommission wird fünfzig, mit einer Jubiläumsfeier soll klar gemacht werden, was eigentlich so wichtig ist an Europa. Dass es nicht nur um wirtschaftliche Auseinandersetzungen geht, sondern um mehr: nie wieder Auschwitz, ein Ende von Nationalismus und Rassismus, gemeinsame Verteidigung von Menschenrechten. Wie jedoch kann das „sexy“ in einer Feier umgesetzt werden?

Menasse versteht es, u. a. mit einem alten Professor der Ökonomie, der zugleich auch Auschwitz-Überlebender ist und mit einem Kommissar, der von einem politisch heiklen Mordfall abgezogen wird, hochinteressante Personen vorzustellen.

Die schnell wechselnden Perspektiven, die vielen Plots werden auf ungemein spannende Weise miteinander verwoben. Beim Lesen entsteht  manchmal das Gefühl,  man habe einen Krimi der Spitzenklasse vor sich, dann wieder einen kritisch-ironischen, immer auch menschlich bewegenden Gesellschaftsroman. Literarisch wie politisch relevante Literatur, die von der ersten bis zur letzten Seite großes Lesevergnügen bereitet!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Aug 17

Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann

Dumont Verlag

20 Euro

 

Mariana Leky, gelernte Buchhändlerin, studierte u. a. Germanistik, Kulturjournalistik und Kreatives Schreiben, hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.

Ich bin jedoch sicher, dass ihr mit diesem neuen Roman der Durchbruch gelingen wird, ja eigentlich sogar muss. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, dem es so hervorragend gelingt, gleichzeitig ein „Wohlfühlbuch“ zu sein, eines in das man sich so richtig reinkuscheln möchte, und das dennoch mit Phantasie, präzisen Bildern und großartigen Beschreibungen des Romanpersonals überzeugt.

Luise, die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit ihrer Großmutter Selma in einem Dorf im Westerwald. Ihre Eltern denken zwar dauernd darüber nach sich zu trennen, doch Luise fühlt sich bei Selma und „dem Optiker“, der eine Art Großvaterersatz für sie ist, wohl und gut aufgehoben. Bis Selma wieder mal von einem Okapi träumt… Jeder weiß, was das bedeutet: es wird jemand aus dem Dorf sterben! In den nächsten 24 Stunden versuchen alle heimlich, noch schnell unfertige Baustellen in ihrem Leben zu bearbeiten. Obwohl alle – besonders Selma selbst – das Ganze als dummen Aberglauben abtun, stirbt tatsächlich jemand, der Luise sehr nahe steht. Jahre später tritt ein buddhistischer Mönch in ihr Leben und damit auch die Liebe, die sich sehr kompliziert gestaltet. Ich sage nur „Fernstbeziehung“…

Hört sich bisher nach einer banalen, etwas bemühten Geschichte an? Das hätte ich durchaus auch denken können, doch dagegen steht Mariana Lekys ungewöhnlicher Schreibstil. Spätestens wenn man das Kapitel gelesen hat, in dem sich der Optiker mit seinen inneren Stimmen auseinandersetzt, die ihm abraten, Selma seine Liebe zu gestehen, ist man ihrem Stil verfallen. Humorvoll, ironisch und dabei warmherzig und intelligent – das ist richtig gut!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Jul 17

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

Übersetzt von Ursel Allenstein

Btb  20 Euro


Maja Lunde hat für diesen Roman den norwegischen Buchhändlerpreis erhalten.

Die Geschichte, in der es, wie der Titel nahelegt,  um Bienen, Bienenzucht und Bienensterben geht, ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt. Einmal wird von dem Wissenschaftler William, der Mitte des 19. Jahrhunderts in England einen die Imkerei revolutionierenden Bienenstock erfand, erzählt. Die zweite Handlungsebene spielt in den USA im Jahr 2007. Der Imker George ist betroffen von dem grassierenden Bienensterben. Mit ihm leidet seine ganze Familie und seine Kollegen darunter – und natürlich die Bienen selbst. Der dritte Teil spielt in China im Jahr 2098, die Bienen sind ausgestorben, die Landwirtschaft funktioniert nur dadurch, dass Menschen die Befruchtung der Blüten selbst vornehmen.

Das Konzept des Romanaufbaus mag simpel erscheinen: drei verschiedene Zeiten, drei verschiedene persönliche Schicksale – immer in abwechselnden Kapiteln aufgeteilt. Doch man merkt es dem Buch an, dass sich die Autorin sehr gut über die Materie informiert hat. Und – noch wichtiger bei einem Roman: sie versteht sich aufs Schreiben!

Man fühlt mit dem in Depression verfallenen William mit, man hofft darauf, dass er endlich bereit sein wird, die Hilfe seiner klugen und naturwissenschaftlich begabten Tochter Charlotte anzunehmen. Der sture  George, der unbedingt seinen Sohn als Nachfolger für seine Bienenzucht sieht und der dann plötzlich mit leeren Händen dasteht – man möchte ihn schütteln und ihm gute Ratschläge geben. Doch am meisten berührt die Geschichte von Tao, der chinesischen Pflanzenbestäuberin. Bei einem Ausflug fällt  ihr dreijähriger Sohn ins Koma. Das Kind wird ihnen weggenommen, die Gegend wird isoliert. Tao verlässt ihren Mann und begibt sich auf die Suche nach den Ursachen und findet sie auch. So viel sei gesagt: Auch hier spielen Bienen eine Rolle.

Ein handwerklich gut geschriebener, sehr spannender Roman, der auf ein ernst zu nehmendes Umweltthema hinweist und gleichzeitig die Problematik von Generationenkonflikten verarbeitet. Ich kann die norwegischen Buchhändler gut verstehen: Das Buch hat das Zeug zum Bestseller!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen