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Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Sept 17

Robert Menasse

„Die Hauptstadt“

Suhrkamp Verlag

24 Euro

 

„Die Hauptstadt“ steht zu meiner großen Freude auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Das heißt, das Buch wurde aus 174 Romanen zuerst in die Longlist (mit 20 Titeln) und nun in den engen Kreis (6 Titel) gewählt. Vielleicht hat es ja – wenn dieser Artikel erscheint – schon den Preis gewonnen? Wenn nicht, dann hätte Robert Menasses neuer Roman ihn meiner Meinung nach jedenfalls absolut verdient gehabt. Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, Germanist, Philosoph, Politikwissenschaftler, vor allem aber Schriftsteller, hat sich schon länger in Essays und Sachtexten mit dem Thema „Europa“ auseinander gesetzt. Mit der literarischen Umsetzung trifft er den Nerv der Zeit.

Wir befinden uns in Brüssel in der Jetztzeit, die Protagonisten spielen alle eine Rolle in der  EU-Bürokratie. Eine griechisch-zypriotische Beamtin soll das Image der Europaischen Kommission verbessern. Während sie mit ihrem Mitarbeiter nach einer zündenden Idee sucht (oh ja, und wie diese zünden wird!) läuft ein Schwein durch Brüssel. Die ganze Stadt sucht einen Namen für das Schwein, so als gäbe es keine anderen Probleme. Doch die gibt es zuhauf: Ränkespiele, Intrigen, persönliche und nationale Eitelkeiten, Karrierrismus . Doch es gibt ebenso die ernsthafte Arbeit für ein besseres Europa, auch  für eine postnationale Gemeinschaft.

Die Europäische Kommission wird fünfzig, mit einer Jubiläumsfeier soll klar gemacht werden, was eigentlich so wichtig ist an Europa. Dass es nicht nur um wirtschaftliche Auseinandersetzungen geht, sondern um mehr: nie wieder Auschwitz, ein Ende von Nationalismus und Rassismus, gemeinsame Verteidigung von Menschenrechten. Wie jedoch kann das „sexy“ in einer Feier umgesetzt werden?

Menasse versteht es, u. a. mit einem alten Professor der Ökonomie, der zugleich auch Auschwitz-Überlebender ist und mit einem Kommissar, der von einem politisch heiklen Mordfall abgezogen wird, hochinteressante Personen vorzustellen.

Die schnell wechselnden Perspektiven, die vielen Plots werden auf ungemein spannende Weise miteinander verwoben. Beim Lesen entsteht  manchmal das Gefühl,  man habe einen Krimi der Spitzenklasse vor sich, dann wieder einen kritisch-ironischen, immer auch menschlich bewegenden Gesellschaftsroman. Literarisch wie politisch relevante Literatur, die von der ersten bis zur letzten Seite großes Lesevergnügen bereitet!

Elvira Hanemann

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Thaer Aug 17

Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann

Dumont Verlag

20 Euro

 

Mariana Leky, gelernte Buchhändlerin, studierte u. a. Germanistik, Kulturjournalistik und Kreatives Schreiben, hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.

Ich bin jedoch sicher, dass ihr mit diesem neuen Roman der Durchbruch gelingen wird, ja eigentlich sogar muss. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, dem es so hervorragend gelingt, gleichzeitig ein „Wohlfühlbuch“ zu sein, eines in das man sich so richtig reinkuscheln möchte, und das dennoch mit Phantasie, präzisen Bildern und großartigen Beschreibungen des Romanpersonals überzeugt.

Luise, die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit ihrer Großmutter Selma in einem Dorf im Westerwald. Ihre Eltern denken zwar dauernd darüber nach sich zu trennen, doch Luise fühlt sich bei Selma und „dem Optiker“, der eine Art Großvaterersatz für sie ist, wohl und gut aufgehoben. Bis Selma wieder mal von einem Okapi träumt… Jeder weiß, was das bedeutet: es wird jemand aus dem Dorf sterben! In den nächsten 24 Stunden versuchen alle heimlich, noch schnell unfertige Baustellen in ihrem Leben zu bearbeiten. Obwohl alle – besonders Selma selbst – das Ganze als dummen Aberglauben abtun, stirbt tatsächlich jemand, der Luise sehr nahe steht. Jahre später tritt ein buddhistischer Mönch in ihr Leben und damit auch die Liebe, die sich sehr kompliziert gestaltet. Ich sage nur „Fernstbeziehung“…

Hört sich bisher nach einer banalen, etwas bemühten Geschichte an? Das hätte ich durchaus auch denken können, doch dagegen steht Mariana Lekys ungewöhnlicher Schreibstil. Spätestens wenn man das Kapitel gelesen hat, in dem sich der Optiker mit seinen inneren Stimmen auseinandersetzt, die ihm abraten, Selma seine Liebe zu gestehen, ist man ihrem Stil verfallen. Humorvoll, ironisch und dabei warmherzig und intelligent – das ist richtig gut!

Elvira Hanemann

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Thaer Jul 17

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

Übersetzt von Ursel Allenstein

Btb  20 Euro


Maja Lunde hat für diesen Roman den norwegischen Buchhändlerpreis erhalten.

Die Geschichte, in der es, wie der Titel nahelegt,  um Bienen, Bienenzucht und Bienensterben geht, ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt. Einmal wird von dem Wissenschaftler William, der Mitte des 19. Jahrhunderts in England einen die Imkerei revolutionierenden Bienenstock erfand, erzählt. Die zweite Handlungsebene spielt in den USA im Jahr 2007. Der Imker George ist betroffen von dem grassierenden Bienensterben. Mit ihm leidet seine ganze Familie und seine Kollegen darunter – und natürlich die Bienen selbst. Der dritte Teil spielt in China im Jahr 2098, die Bienen sind ausgestorben, die Landwirtschaft funktioniert nur dadurch, dass Menschen die Befruchtung der Blüten selbst vornehmen.

Das Konzept des Romanaufbaus mag simpel erscheinen: drei verschiedene Zeiten, drei verschiedene persönliche Schicksale – immer in abwechselnden Kapiteln aufgeteilt. Doch man merkt es dem Buch an, dass sich die Autorin sehr gut über die Materie informiert hat. Und – noch wichtiger bei einem Roman: sie versteht sich aufs Schreiben!

Man fühlt mit dem in Depression verfallenen William mit, man hofft darauf, dass er endlich bereit sein wird, die Hilfe seiner klugen und naturwissenschaftlich begabten Tochter Charlotte anzunehmen. Der sture  George, der unbedingt seinen Sohn als Nachfolger für seine Bienenzucht sieht und der dann plötzlich mit leeren Händen dasteht – man möchte ihn schütteln und ihm gute Ratschläge geben. Doch am meisten berührt die Geschichte von Tao, der chinesischen Pflanzenbestäuberin. Bei einem Ausflug fällt  ihr dreijähriger Sohn ins Koma. Das Kind wird ihnen weggenommen, die Gegend wird isoliert. Tao verlässt ihren Mann und begibt sich auf die Suche nach den Ursachen und findet sie auch. So viel sei gesagt: Auch hier spielen Bienen eine Rolle.

Ein handwerklich gut geschriebener, sehr spannender Roman, der auf ein ernst zu nehmendes Umweltthema hinweist und gleichzeitig die Problematik von Generationenkonflikten verarbeitet. Ich kann die norwegischen Buchhändler gut verstehen: Das Buch hat das Zeug zum Bestseller!

Elvira Hanemann

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Nicolaische Buchhandlung, Rheinstraße 65, 12159 Berlin

 

Nicolaische Juni 17

Maxim Biller

100 Zeilen Hass  

Hoffmann & Campe

25 Euro


Bedauerlicherweise ist Maxim Biller nicht mehr Mitglied des Literarischen Quartetts im ZDF. Aber wer den streitlustigen und streitbaren Schriftsteller und Kolumnisten ebenfalls vermisst (auch wenn Billers Nachfolgerin Thea Dorn mindestens genau so klug und nicht minder streitlustig ist), der kann sich jetzt über den soeben aufgetauchten Sammelband „Hundert Zeilen Hass“ mit Maxim Billers geistreich-provokanten Kolumnen aus der Zeitschrift TEMPO erfreuen.

Über einhundert Mal schrieb Biller zwischen 1987 und 1996 (und bis 1999 für das ZEIT-Magazin) Monat für Monat schonungslos ehrlich gesellschaftskritische Kommentare über Deutschland und die Deutschen (die bis heute ihre Gültigkeit haben) und hatte dafür einen völlig neuen Ton in den deutschen Journalismus gebracht. In seinen „Hundert Zeilen Hass“ nimmt er kein Blatt vor den Mund und lässt niemanden unverschont. Denn „Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas mehr Ehrlichkeit“, so Biller über seine Intention.

Man kann die Texte chronologisch von den 80ern bis in die späten 90er hinein lesen, oder auch im Personen-Register nach namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens suchen, über die Biller dann in den jeweiligen Kolumnen polemisch und zugleich geistreich-witzig im „Namen der Wahrheit“ sein Urteil fällt.

Die Wirkung und Auswirkung seiner Kolumne bringt die taz sehr treffend auf den Punkt: „Hundert Zeilen Hass machte Maxim Biller zur Marke. Und zum Außenseiter“. Zu einem vielbeachteten und vielfach geachteten Außenseiter, dessen Texte nun noch einmal vollständig in dem bei Hoffman und Campe veröffentlichten Sammelband gelesen und genossen werden können. Denn ganz anders als bei der Flut heutiger Hasstiraden, die durch die sogenannten Sozialen Medien geistern, ist bei diesen geist-reichen Schriftstücken eines gewiss: Niemand hasst virtuoser, fundierter und zugleich liebevoller als der Kolumnist und Schriftsteller Maxim Biller.

Eine Buchempfehlung von Christian Finger

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Thaer Mai 17

Ulrike Edschmid

Ein Mann, der fällt

Suhrkamp Verlag 

20 Euro


Ulrike Edschmid, 1940 geboren, hat nun nach ihrem wunderbaren Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ von 2013 wieder einen neuen Roman geschrieben. Eine Frau erzählt von ihrem Partner, der bei der Renovierung ihrer ersten gemeinsamen Wohnung von der Leiter fällt und schwer verletzt wird. Wir befinden uns anfangs in dieser Charlottenburger Wohnung im Jahr 1986, die Frau erzählt in Ich-Form von der Zeit nach diesem Sturz, von dem sehr langsamen Zurückfinden in eine neue Art von Normalität, zu der Hinfallen und Wiederaufstehen gehört. Aber auch das schwierige Angleichen des Lebensrhythmus der beiden Liebenden.

Er, Architekt, der sich der behutsamen Stadtsanierung verschrieben hat und sie, die künstlerisch mit Stoffen arbeitet, bleiben zusammen. Zusammen als Paar aber auch in der Wohnung - trotz Lärms, vielen oft unangenehmen Veränderungen, gefährlicher Nachbarschaft und etlichen Unbilden. Sie beobachten, was um sie herum geschieht. So entsteht neben einer detaillierten Beschreibung der gravierenden Veränderungen, die eine Querschnittslähmung mit sich bringt, auch in Ausschnitten ein Porträt Westberlins während der letzten dreißig Jahre.

Absolut überzeugend finde ich Edschmids minimalistischen Stil. Es gelingt ihr mit wenigen, aber immer genau treffenden Worten alles zu erzählen, was sie sagen möchte. Oft möchte man – an sich guten – Autoren zurufen: „Weniger ist oft mehr!“ Hier jedoch haben wir eine Schriftstellerin, die das weiß und die das auch kann. Sie betrachtet, nimmt wahr, sie fasst das Gesehene und Erspürte in Worte, doch sie wertet nicht und gibt den Lesern nicht die Gefühle, die sie beim Lesen empfingen sollen, vor. Gerade dadurch entsteht ein sehr eindringlicher und atmosphärisch dichter Text.

Eines der Bücher, die man am besten laut liest, vorliest und dann gleich nochmal liest. Einfach, weil die Sprache so schön ist.

Elvira Hanemann

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